Wir leben in einer Welt, die sich im Getriebe des Zeitregimes und Funktionalismus bis zur Bewusstlosigkeit schwindlig dreht. Genauso volatil sind die Märkte. Investierte der Anleger früher in Immobilien, sind es heute bevorzugt die mobilen Werte. Die einen investieren in Kunst, andere in Edelmetalle und Diamanten, wieder andere in Oldtimer. Und manche in die Exklusivität und Schönheit der Motorboote aus der Ära des Pleasure-Boating. Das besondere Lebensgefühl vergangener Tage ist zu einer emotionalen Rendite gefroren.

Antibes. Musée Picasso. Als ich die Fotografien von Edward Quinn betrachte, dem das Museum derzeit eine Ausstellung widmet, versinke ich in einem nostalgischen Tagtraum, im Panorama einer längst untergegangenen Epoche. Quinns Bilder halten das atemberaubend frivole Leben an der Côte d’Azur der 50er- und 60er-Jahre fest, diese faszinierende Welt des Jet-Sets. Und nichts symbolisiert diesen Mythos so eindrucksvoll wie das Lieblingsspielzeug der Reichen und Schönen: ihr Boot.

Ich kann es hören, dieses sonore Grollen. Und da schiebt sich auch schon der makellose, formvollendete Körper sanft ins Bild. Der elegante, blank polierte, fugenlose Rumpf der Riva Aquarama. Glänzendes Mahagoni und die chromblitzenden Beschläge tanzen auf dem Wasser wie Sonnenstrahlen im Morgentau. Eine Meisterleistung der Handwerkskunst, die perfekte Symbiose aus Ästhetik, Power und Gelassenheit, wie gemacht für die Protagonisten des maritimen Müßiggangs jener Zeit. Jean-Paul Belmondo, Sophia Loren, Richard Burton, Sean Connery, Fürst Rainier und Grace Kelly – sie alle fuhren auf diesen schnittigen Daycruisern zum Angeln, zum Baden in Küstennähe oder vom Haus zum Restaurant auf der anderen Seite der Bucht. Nicht selten sah man Gunther Sachs’ Runabout in der Mole von St. Tropez, wo er mit Brigitte Bardot ein entspanntes Mittagessen genoss, während andere sportlich-elegante Herren in stilvoller Haltung ihre hölzernen Motorboote an der Küste entlang lenkten, neben ihnen auf den weißen Ledersitzen ebenso elegante Damen mit Seidentüchern. Weltenbummler, die Sprachen beherrschten, die wussten, wie man Feste feiert und vor allem, wie man mit schönen Frauen parliert und sie mit der nur schwer zu übertreffenden Romantik einer Bootsfahrt bei einem verträumten Dinner am Strand verführt. Hier lockt das Boot das Weib.

Aston Martin 37_Batch_2_Photo: Max Earey

Ein spuckendes untermotorisiertes Geräusch holt mich in die Gegenwart zurück. Kunststoff und Geschmacklosigkeit haben ihren Siegeszug auch durch die Welt der Motorboote angetreten. Ein unförmiger Plastikklumpen zieht vorbei. An seinem Fiberglasaufbau lehnen vor schwarz verspiegelten Kunststoffscheiben selbstgefällig grinsende Neureiche. Und ich wünsche mir plötzlich auch an den Küsten und Seen Türsteher wie vor den unprätentiös erstklassigen Clubs, die mit geschultem Auge für Stil und Ästhetik sorgen. Ja, es ist offensichtlich: Wir leben in einer Trash-Gesellschaft.

Von den ehemals 4362 klassischen Holzbooten der italienischen Edel-Marke Riva mit ihrer Liebe für edles Design und höchste Qualität, die sich bis ins kleinste Detail durchzieht, sind heute noch etwa die Hälfte verblieben; einige davon konnten ihren Wert allein innerhalb der letzten acht Jahre verdoppeln.

Wer es dezenter, aber nicht weniger exklusiv mag, der entscheidet sich für ein Schmuckstück der Schweizer Rennbootschmiede Boesch. Wer diese Boote kauft ist viel zu lässig, um einen übermäßigen Wert auf Selbstdarstellung zu legen. Kostete ein Boesch-Boot vor 40 Jahren 30.000 Franken, so kann es heute das Drei- bis Vierfache sein, vorausgesetzt der Zustand stimmt. Dafür unterhalten die Werften Riva und Boesch Unternehmen, die sich eigens auf die Restauration und Pflege von Mahagoni-Booten spezialisiert haben. Die Pedrazzini-Werft am Zürichsee bietet einen Superlativ an Exklusivität. Legendär wurde sie in den 50er-Jahren durch den Bau des dreisitzigen Minimalmotorbootes Superleggera. Auch heute verlassen nur wenige Boote die Werft, zu Preisen von bis zu 650.000 Franken.

Während ich noch ein wenig wehmütig diesen Gedanken nachhänge, gleitet eine Aquariva Super vorbei, gefolgt von einem Boesch-Daycruiser. Ein eleganter Flitzer setzt zum Überholen an: eine Frauscher 757. Sie leben ihre Freude an den schönen Dingen, gönnen sich den Luxus dieses besonderen Lebensgefühls, das Edward Quinn in seinen Momentaufnahmen transportiert. Und genau das ist Luxus, heute wie damals: eine Selbsterfahrung oder auch Selbstinszenierung, jedoch jenseits aller Demonstration finanzieller Macht. Ein wenig Trotz. Avantgarde und Postmoderne des Besitzens. Und für alle anderen immerhin ein schöner Anblick. (kh)

RIVA

1949 eröffnete Carlo Riva, inspiriert von den kleinen, wendigen Motorbooten der amerikanischen Werft Chris Craft, seine eigene Werft am Lago d’Iseo. In den 50er-Jahren wurden seine hochwertigen Boote mit ihrem eleganten Holzkörper und der fugenlosen, tiefroten Mahagonibeplankung zu einem Statussymbol der Reichen und ihrer ausschweifenden Lebensfreude. Viel Chrom, die Panoramascheibe, das klassische Armaturenbrett mit weißem Steuerrad, die weißen Ledersessel, dahinter die gepolsterte Liegefläche und das schlank auslaufende Heck – diese klassischen Designermerkmale der Rivaboote lassen eine einzigartige Ästhetik entstehen. Mit einer Riva bekennt man sich eben zum italienischen Design, zum einstigen Riviera-Schick und zum Glamour der Filmstars, ohne dabei protzig zu wirken. www.riva-yacht.com

@Riva

BOESCH

Seit 1920 baut die Schweizer Werft Boote, bis heute aus Holz. Sie sind der Inbegriff leistungsstarker klassischer Mahagoni-Boote, die sich durch die perfekte Synthese von Form und Funktion auszeichnen. Und sie sind vor allem der Traum aller Wasserskifahrer. Kein anderes Boot zieht eine derart perfekte Heckwelle hinter sich wie ein Boesch. Wie Riva unterhält auch Boesch ein auf die Restauration von Mahagoni-Booten spezialisiertes Unternehmen – Boesch Classic Boats ‒ , um die hauseigenen Antiquitäten zu pflegen. Schließlich ist die Nachfrage innerhalb der letzten zehn Jahre merklich gestiegen, wie Geschäftsführer Markus Boesch berichtet. Gerade die Politik ökologischer Verantwortung stellt für Boesch einen besonderen Wert dar, der die Vollkommenheit des Designs und die meisterhafte Handwerkskunst nur noch veredelt. www.boesch-boats.ch

PEDRAZZINI

Augusto Pedrazzini baute die ersten Boote 1906 am Zürichsee. In den 50er-Jahren hielt die Pedrazzini-Werft für die Welt des unbedingten Stils die futuristisch anmutende Superleggera, ein dreisitziges Minimalmotorboot, bereit. Und mit der Capri Deluxe entstand jenes Boot, an dem sich die heutigen Runabouts orientieren. Heute sieht man Pedrazzini-Runabouts äußerst selten, was der zeitintensiven und qualitätsbetonten Bauweise geschuldet ist. Jedes Jahr verlassen nur ganz wenige, streng limitierte Exemplare das schwyzerische Bäch am Zürichsee. Rarität und Exklusivität, Perfektion in höchster Vollendung und die Eleganz gepaart mit Understatement schafft regelrechte die perfekte Skulptur eines Motorbootes, die dem Genießer vorbehalten ist. www.pedrazziniboat.com

@Pedrazzini Capri

FRAUSCHER

Die Frauscher-Werft, gegründet 1927 im Salzkammergut, baut elegante Flitzer zwischen 6,5 und 10 Metern Länge und mit Höchstgeschwindigkeiten von über 100 km/h. Selbst im mondänen Cannes sind sie echte Hingucker, besonders die 858 Fantom mit ihrem fast schon revolutionären Design, einer qualitativ hochwertigen Mischung aus modernen Linien und Retroelementen. Ganz anders ist auch Frauschers Marketingstratgie, die Werftchef Stefan Frauscher so erklärt: „Wir sind der Meinung, dass wir nicht nur im Pool der Booteigner fischen dürfen, sondern dass wir neue Kunden zum Bootsfahren animieren sollen.“ Deshalb ist die Werft auch Kooperationen mit dem Künstler Xavier Veilhan, dem Modeschöpfer Roberto Cavalli und dem Musiker Parov Stelar eingegangen. Mit ihren einzigartigen Fahreigenschaften und der exzellenten Qualität nehmen Frauscher-Boote auch schon einmal die Verfolgungsjagd von 007 höchstpersönlich auf. So geschehen im Bond-Streifen Spectre, als zwei Bösewichte auf ihren Mirages 747 hinter James Bond herrasen. www.frauscherboats.com

@Frauscher

ASTON MARTIN

Die Zutaten eines James-Bond-Films sind rasante Action, Frauen, geschüttelte Martinis und natürlich der Aston Martin, von Q mit einigen extravaganten Sondervorrichtungen versehen. Nun scheint Q sich selbst übertroffen zu haben und Bonds Dienstwagen in ein Power Boat umfunktioniert zu haben. Tatsächlich haben die Designer des britischen Sportwagenbauers zusammen mit den Spezialisten von Quintessence Yachts die DNA des One-77, Vulcan und des neuen DB11 in ein luxuriöses Power Boat verpflanzt. Drei Antriebsvarianten lassen die sportlich-eleganten 37 Fuß (11.27 Meter) über das Wasser gleiten. Der Kunde hat die Wahl zwischen der Standardversion mit entweder zwei 370 PS starken Diesel-Motoren oder zwei 430 PS starken Benzinern und der Power-Version namens AM37S. Das S steht für Speed, für den zwei 520 PS starke Benzin-Triebwerke sorgen.

@Aston Martin 37_Batch_2_-®_Photo Max Earey

Bis zu acht Passagiere finden Platz und vor allem Komfort auf der hinteren Liegefläche und dem Unterdeck, das mit Bad, Küche und Klimaanlage ausgestattet ist. Dabei wurden nur die feinsten Materialien verwendet, wie Leder, Aluminium und Kohlefaser. www.astonmartin.com

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