Special: Die Krawatte

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Werdegang eines Symbols stilbewussten Auftritts

„The Cravat should not be considered as a mere ornament, it is decidedly one oft he greatest preservatives of health – it is a criterion by which the rank of the wearer may be at once distinguished, and is of itself a letter of introduction.“ – Le Blanc „Art of Tying the Cravat 1828

Als das historische Vorbild der Krawatte wird gerne auf die „Focalia“ der römischen Legionäre hingewiesen, eine vor dem Brustpanzer zusammengeknotete Halsbinde, die dazu diente, den Hals gegen Schmutz, Kälte und dem scharfkantigen Lederpanzer zu schützen. Eine Massnahme, die bereits das chinesische Militär in der Zeit des Kaisers Shih Huang Ti 210 vor unserer Zeitrechnung pflegte.

Als frühen Vorläufer der heutigen Krawatte kann man jene Halstücher in Erwägung ziehen, die sich abseits eines utilitären Grundverständnisses bewegten, wie etwa die von King Charles II. um 1660 getragene so genannte „Bandanna“ – ein grosses gemustertes Tuch, das man sich mehrfach um den Hals band und mittels einer Schleife fixierte. Dies konnte auch mit einem gestärkten weissen Leinentuch, wie es Beau Brummel als modisches Signum eines Gentlemans pflegte, geschehen. Doch haben diese verwendeten Halstücher weder formalästhetisch noch in ihrer Anwendungstechnik unmittelbar etwas mit der modernen Krawatte zu tun, die vielmehr als Erbe der klassischen Schul- oder Clubkrawatte zu sehen ist.

So gilt ein Auftrag des Oxford University’s Exeter College, der am 25. Juni 1880 an einen Schneider erteilt wurde, als Geburtsstunde der Clubkrawatte, die Sir Hardy Amis als die „Uniform der zivilisierten Welt“ deklarierte. Die angefertigten Binder lösten in den akademischen Zirkeln eine regelrechte Modewelle aus. Ihre diagonale Emblematik ist noch heute eine Mustervariante der Businesskrawatte, die sich jedoch abseits einer Zugehörigkeits-Orthographie bewegt. Mit der Verbreitung des um die Jahrhundertwende in den Handel kommenden „Macclesfield tie“ aus der Grafschaft Cheshire im Nordwesten Englands, in der aus hochwertiger indischer und chinesischer Rohseide gemusterte Krawatten hergestellt wurden, hatte der aufstrebende Mittelstand sein Statussymbol, der Träger seine individuelle „Carte de visite“ gefunden.

„Sie betritt den Raum fast vor dem Mann.“ – Sir Hardy Amis

Im Zeitalter des klassischen Business-Anzuges nimmt die Krawatte durch ihren zentralen Sitz in der V-förmigen Öffnung des Anzugs sowie als ponderierende Mitte zwischen Brustbereich und Gesicht eine signifikante Position ein, die der Garderobe eines Mannes ihren besonderen Esprit verleiht und sich auf einen Blick als unmittelbarer Indikator guten oder verfehlten Geschmacks erweist.

Bereits Honoré de Balzac glaubte an diesem Erscheinungsbild den wahren Charakter eines Mannes zu erkennen. In seiner 1830 erschienen umfassenden „Traité de la vie élégante“ verurteilt Balzac alle, „die ihre Krawatte tragen, ohne sie zu spüren und zu beachten. Die sich jeden Morgen ein Stück Stoff umbinden, wie einen Strick, dann den ganzen Tag umherlaufen, essen, sich um ihre Sachen kümmern und am Abend ins Bett gehen ohne Skrupel oder Bedauern. Vollkommen zufrieden mit sich selbst, als ob ihre Krawatte wie die beste auf der Welt gebunden wäre.“ So betont er in seiner Physiologie des Ankleidens die Botschaft des Auftritts, die eine gebundene Krawatte in sich trägt: „Eine gut gebundene Krawatte, das ist ein Geniestreich, der sich wahrnehmen und bewundern, aber nicht analysieren oder erlernen lässt.“

Um seine semantische Vorstellung methodologisch zu untermauern, schlug er 28 Arten der „Kunst, eine Krawatte zu binden“ vor, wobei er die unterschiedlichen Variationen noch mit jeweiligen „Wesenmerkmalen“ kennzeichnete, etwa als „sentimentalen“ oder „leidenschaftlichen“ Knoten. Das 1828 in New York publizierte, in „Lessons“ eingeteilte Grundlagenwerk von Le Blanc „Art of Tying the Cravat“ verzeichnet 32 Bindetechniken, begleitet von aufwendigen Zeichnungen, und eröffnete zudem einen ausführlichen Einblick in den historischen Werdegang der Krawatte.

In Deutschland gab Edmund Edel mit seinem 1912 erschienen Büchlein „Die Krawatte – ein Brevier des Geschmacks“ einen nützlichen Leitfaden für den Herren, der zu jener Zeit nebst der als „Mutter aller zeitgenössischen Krawattenknoten“ geltenden „Four-in-Hand“ vor allem die Schleife, die Hunting Tie und das Plastron pflegte – gemäss dem Leitsatz Oscar Wildes, dass „ein gut gebundener Binder der erste ernsthafte Schritt ins Leben ist“. (ao)

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