200 Jahre Richard Wagner – Im Bann des Propheten

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Zum zweihundertsten Mal jährt sich im Mai der Geburtstag von Richard Wagner. Niemals zuvor und nicht seither hat es in der deutschen Geschichte einen Künstler gegeben, der so frenetisch verehrt und so leidenschaftlich verachtet wurde wie der facettenreiche Sachse. Denn in diesem Jubiläumsjahr feiert die Musikwelt mit Wagner nicht nur den Opernrevolutionär, sondern den selbstverliebten Gernegroß, den politisierenden Anarchisten und das geltungssüchtige Künstlergenie, das sein kreatives Schaffen zur Religion und sich zum Messias erhob.

Als in Bayreuth am 13.8.1876 Kaiser Wilhelm I. neben vielen anderen hochrangigen Staatsmännern aus aller Welt zur Premiere des „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth eintrifft, kann der Tausendsassa Richard Wagner auf die Vollendung eines Lebenswerks blicken, dessen Umfang und Vielfalt auch heute noch staunen lässt. Der Schöpfer eines neuartigen Musiktheaters hat zu diesem Zeitpunkt die Oper revolutioniert und die Weltöffentlichkeit in eine nie dagewesene Form musikalischer Dramaturgie eingeführt. Nebenbei hat er, die Kunst zur Religion erhöhend, sich mit dem Festspielhaus sein Mekka errichten lassen und sich selbst, in charakteristisch unbescheidener Art, zum Propheten gemacht.

Unsteter Lebenswandel und ständige Geldnöte

Nicht immer jedoch herrschte im Laufe des unsteten, von abrupten Umbrüchen geprägten Leben des kleingewachsenen Künstlers Klarheit darüber, ob jemals die finanziellen Mittel für Projekte dieser Größenordnung zur Verfügung stehen würden. Oft genug musste der als Wilhelm Richard Wagner am 22.Mai 1813 in den Wirren der Völkerschlacht von Leipzig zur Welt gekommene Jahrhundertkomponist bei Nacht und Nebel die Flucht aus einer Stadt antreten, in der er sich beim Engagement als Chordirektor (in Würzburg), als Kapellmeister (in Riga) oder als Musikdirektor (in Magdeburg) einmal mehr hoch verschuldet hatte. Wagner nämlich konnte zeitlebens nie mit Geld umgehen, weshalb Thomas Mann ihm später den fast schon legendären Beinamen „Pumpgenie“ verlieh.

Zu seinen diversen Engagements war Wagner nach einem Kompositionsstudium beim Leipziger Thomaskantor Theodor Weinling Anfang der 1830er Jahre gekommen. Doch das Feuer für die Musik, genauer für die Welt der Oper, brannte zu dieser Zeit schon viel länger in ihm. Bereits im Knabenalter nahm ihn sein Stiefvater Ludwig Geyer mit ins Theater und in die Oper nach Dresden. Dorthin war die Familie nach dem Typhus-Tod Wagners leiblichen Vaters gezogen. In Dresden machte Wagner ein paar Jahre später auch die Bekanntschaft des sich auf dem Zenit seines Erfolges befindlichen Komponistenstars und Hofkapellmeisters von Dresden, Carl Maria von Weber. Seit dieser Begegnung gab es für Wagners Zukunft nur noch eine einzige Losung: er wollte als verehrter Opernschöpfer genau das werden, was von Weber bereits war.

Der revolutionäre Freigeist, erste Opernerfolge

Auf erste Erfolge jedoch musste Wagner noch eine Weile warten: 1842, nach zerrütteten, von finanziellen Sorgen und kurzlebigen Engagements geprägten Jahren kam sein Erstling, der „Rienzi“, schließlich in Dresden auf die Bühne. Es folgten der „Fliegende Holländer“ 1843 sowie der „Tannhäuser“ 1845 – in der Zwischenzeit war Wagner von König Friedrich August II. zum Hofkapellmeister berufen worden und konnte sich verhältnismäßig abgesicherter monetärer Verhältnisse erfreuen.

Lange jedoch hielt diese materielle, durch sächsische Staatsfinanzen garantierte Sicherheit nicht an. Grund dafür waren Wagners ausschweifende intellektuelle Neugier und seine umstürzlerische Gesinnung, die sich mit den politischen Ereignissen der Epoche verquickten. Bereits bei der Pariser Juli-Revolution von 1830 steckte sich Wagner mit dem revolutionären Fieber an. In der Zwischenzeit war er nicht nur mit religionskritischen Schriften Ludwig Feuerbachs und den Ideen zeitgenössischer Philosophen wie Arthur Schopenhauer in Berührung gekommen. Auch die Kapitalismuskritik von Karl Marx stieß beim aufstrebenden Jungkomponisten auf offene Ohren. Es durfte daher nicht verwundern, dass sich Wagner aktiv an der Dresdner Mai-Revolution 1849 beteiligte und höchstselbst auf die Barrikaden stieg. Bei Mäzen Friedrich August fiel derlei Gebaren freilich auf weniger fruchtbaren Boden: Wagner wurde fortan steckbrieflich gesucht, versteckte sich eine Weile lang notdürftig bei Freunden, bevor er schließlich ins Schweizer Exil floh. Seine Überzeugungen berührte all dies jedoch nicht im Geringsten: Anti-Feudalismus, Verachtung von Geld und Macht sowie teilweise geradezu anarchistische Züge behielt Wagner sich bei und verwob sie motivisch mit seinen Libretti.

Der „Ring“, Jahre im Exil und politische Pamphlete

Allen voran im „Ring des Nibelungen“, den der ambitionierte Tonkünstler bereits 1848 begonnen hatte, setzte sich Wagner vor dem Hintergrund der germanischen Sage mit großen philosophischen Themen wie Macht, Besitz, Freiheit oder der Entfernung des Menschen von seinem göttlichen Ursprung auseinander. Das „Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend“, an dem er insgesamt ganze 26 Jahre lang arbeitete, machte Wagner für die Nachwelt unsterblich. Nicht nur die schiere Größe und Opulenz der Tetralogie sind bis heute beispiellos. Vor allem aber hatte Wagner die von ihm verabscheute „Grand Opéra“, nach deren Vorbild der „Rienzi“ noch komponiert war, revolutioniert und die jeder Spannung entbehrende Aneinanderreihung von Arien durch ein dramaturgisch ausgereiftes „Musiktheater“ ersetzt, das der von ihm als dekadent empfundenen „alten“ Oper eine neue Reinheit und Gravitas entgegenhielt. Wagners magnetisches Spektakel zog die Zuschauer durch eine nie dagewesene Synthese eines mythisch fundierten Bühnenspiels mit einer den Weg in die Moderne deutenden Orchestrierung in seinen Bann.

Nicht nur den „Ring“ brachte er dabei im Exil auf den Weg. Aus den höchst produktiven Jahren in der Schweiz resultierte auch die Fertigstellung von „Lohengrin“ sowie „Tristan und Isolde“. Dabei entwickelte der stets Getriebene, der in dieser Zeit zahlreiche Affären unterhielt, seine Kompositionen stetig weiter und entlockte seiner Feder immer reifere, komplexere Werke. Fatalerweise beschränkte sich Wagners „Eifer“ in diesen Jahren nicht auf seine Notenblätter, sondern mündete auch in schriftstellerischen Ergüssen: mit dem Pamphlet „Das Judenthum in der Musik“ begab er sich dabei auf die berüchtigten antisemitische Abwege, die das hässlichste seiner vielen Gesichter offenlegte und bis zum heutigen Tage das Gros der Munition liefert, mit der Wagner-Gegner den Komponisten, seine Epigonen und Anhänger bis zum heutigen Tage befeuern.

Begegnung mit dem „Märchenkönig“ und Bayreuth

Zu der wohl schicksalhaftesten Begegnung im Leben des streitbaren Künstlers kam es nach seiner Rückkehr nach Deutschland, wo ihm 1862 Amnestie gewährt wurde. Wie ein Deux ex machina trat einer seiner frenetischsten Anhänger, der jugendliche „Märchenkönig“ Ludwig II., auf den Plan und enthob sein Idol inmitten größter Schuldennöte von allen finanziellen Sorgen und Lasten. Wagner konnte sich nicht nur einer herrschaftlichen royalen Münchner Residenz erfreuen. Ludwig erwies sich als der ultimative Mäzen und Förderer der Pläne des selbsternannten „Propheten des Deutschen“, mochten diese auch noch so ausgefallen und kostspielig sein. Nun hatte Wagner alle Freiheiten – künstlerisch und pekuniär.

Zwar kam es vorübergehend zu Ungereimtheiten, nachdem der „Märchenkönig“ im Jahr 1869 einige Opern Wagners ohne dessen Einwilligung hatte uraufführen lassen. Bald jedoch war der egozentrische Charmeur und Dampfplauderer Wagner bei seinem Gönner wieder so wohlgelitten, dass dieser trotz erheblicher, gegen seine Verschwendungssucht gerichteter Proteste der bayrischen Bevölkerung einen Kredit bewilligte, der das Monumentalwerk des Künstlers abrundete: das Festspielhaus in Bayreuth, ein Tempel der eigensinnigen Kunstreligion Wagners, der 1873 eingeweiht wurde. Die Erstaufführung des „Ring“ folgte drei Jahre später. Wagner war nun selbst im Zenit seiner Macht und seines Schaffens angekommen. Bayreuth war zum Mekka geworden, er selbst in den Rang eines deutschen Propheten aufgestiegen. Nach mehreren Italienreisen wurde der gesundheitlich mittlerweile angeschlagene Wagner 1881 noch Zeuge der Uraufführung des „Bühnenweihfestspiels“ Parsifal in Bayreuth, an dem er während der letzten Jahre gearbeitet hatte. Am 13.Februar 1883 tat das Herz, das fast siebzig Jahre lang den Takt in einem fulminanten Leben angegeben hatte, seinen letzten Schlag.

Wagner heute: die Macht des Mythos

Wagners vielbesungener Genius verfügt im 200.Jahr über eine Wirkung, die so stark und psychoaktiv ist wie eh und je. Es bleibt offen, ob jemals letztgültig erklärt werden kann, was genau sie ausmacht. Der erst mit Nietzsche befreundete, später verfeindete, vom Märchenkönig geförderte anarchische Musikrevolutionär bietet allein schon durch die Strahlkraft seiner einnehmenden Persönlichkeit viele Erklärungsansätze. Schließlich aber kann es nicht die bereits zu Lebzeiten einsetzende Verklärung des Dresdner Tonschöpfers sein, die die weltweite Anziehungskraft des Namens „Richard Wagner“ begründet. Vielmehr sind es der schöpferische Geist, der dramaturgische Esprit sowie die unbändige Wirkungsmacht seiner Musik selbst, die die Welt am Anfang des 3.Jahrhunderts nach seiner Geburt zelebriert.

Richard Wagner Museum

mit Nationalarchiv und Forschungsstätte der Richard-Wagner-Stiftung

Richard-Wagner-Strasse 48
D-95444 Bayreuth

Tel.: +49 (0)921 – 757 28 – 0
Fax [nbsp]+49 (0)921 – 757 28 – 22
www.wagnermuseum.de

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