Coco Chanel – Ein Name, ein Stil

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Wie Coco Chanel die Modewelt für immer veränderte

Vor gut einhundert Jahren begann der Siegeszug von Coco Chanel, deren Kreationen die Modewelt für immer auf den Kopf stellten. Chanel lebte einen für ihre Zeit mutigen, kämpferischen Nonkonformismus und wurde schon zu Lebzeiten für ihren kompromisslosen persönlichen Stil bewundert – ganz zu schweigen davon, dass sie die europäischen Frauen buchstäblich von ihrem gesellschaftlichen Korsett und Rollenspiel befreite.

Chanel – Ein Name, ein Stil © Boris Lipnitzki/Roger Viollet, aus „Chanel – Ein Name, ein Stil“ von Jérôme Gautier

Wer sich die Bedeutung vergegenwärtigen will, die Coco Chanel für die Modewelt hat, kann sich die Tatsache vor Augen führen, dass ihre Pariser Wohnung auch heute noch, mehr als vierzig Jahre nach ihrem Tod, Fans aus aller Welt als Pilgerstätte dient. Dabei hatte Chanel dort gar nicht viel Zeit verbracht – schließlich lebte sie jahrzehntelang in ihrer sagenumwobenen Suite im Ritz. Ihre Wohnung wurde so belassen, wie sie war, als Coco Chanel darin lebte. Alles dort, vom Mobiliar bis zu ihren persönlichen Gegenständen, dient heute als Referenz für herausragenden, zeitlosen Stil, so wie auch jedes Foto von Chanel genau das ausdrückt. „Die Mode vergeht, nur der Stil bleibt bestehen“ sagte Chanel einmal und schuf damit eines ihrer meistzitierten Bonmots: Chanel schuf Mode, die keine Mode im eigentlichen, vergänglichen Sinn war, sondern welche die Zeit überdauert hat – bis heute.

Von der Fabrik zur berühmten Modedesignerin

Chanel – Ein Name, ein Stil © Boris Lipnitzki/Roger Viollet, aus „Chanel – Ein Name, ein Stil“ von Jérôme Gautier

In armen und schwierigen Strukturen wird Gabrielle Bonheur „Coco“ Chanel 1883 in einer Fabrik in Saumur im Loiretal geboren, in der ihre Mutter arbeitet. Zeitlebens versucht sie, ihre ärmliche Herkunft zu verleugnen. Ihr Vater treibt sich herum, ihre Mutter stirbt früh an Tuberkulose. Coco kommt auf ein Zisterzienserkloster, wo sie sieben beklemmende Jahre verbringt, die von seelischer Pein geprägt sind, ihr aber auch Durchhaltevermögen und eiserne Disziplin lehren. Sie arbeitet einige Jahre in einer Strickwarenfabrik, bevor sie im Alter von 27 Jahren mit der finanziellen Unterstützung ihres Lebensgefährten Arthur Capel ihren Traum wahr macht und ihr erstes Geschäft eröffnet: „Chanel Modes“ in der Rue Cambon in Paris.

Hosen und kurze Haare stellen die Modewelt auf den Kopf

Chanel entwickelt sich nun schnell zu der weltweit gefragtesten Modeschöpferin, welche die Augen der modischen Weltöffentlichkeit auf sich gerichtet sieht. Sie bringt mit dem leichten Jersey-Stoff ein neues Material in die Damenmode ein. Sie wagt es, im Matrosenkostüm aufzutreten und trägt am Strand enge Röcke. Chanel führt die Hose in die Welt der Damenmode genauso ein wie die Kurzhaarfrisur, die dadurch im Jahr 1917 zur Trendfrisur unter Pariserinnen avanciert. Bis dahin hatte es das ungeschriebene Gesetz gegeben, dass Frauen lange Haare tragen mussten. Ihren neuen Haarschnitt rechtfertigt Coco Chanel deshalb zunächst so: Es habe einen Hausbrand gegeben, bei dem ihre Haare Feuer gefangen hätten. Schlicht, praktisch und elegant, so sieht der Stil aus, den Chanel prägt und der zu ihrer unverkennbaren Signatur wird.

Buchstäbliche und metaphorische Bewegungsfreiheit

Chanel – Ein Name, ein Stil © Boris Lipnitzki/Roger Viollet, aus „Chanel – Ein Name, ein Stil“ von Jérôme Gautier

Maßstäbe setzt Coco Chanel auch in ihrer Arbeitsweise. Ihre Entwürfe steckt sie direkt an Schneiderpuppen ab, statt sie auf Papier zu skizzieren. Niemand in der Modewelt hat vorher so gearbeitet. Ihr fundamentales Leitprinzip dabei ist es stets, ihren Kundinnen die größtmögliche Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. Diese neue Freiheit wirkt subversiv, da sie weit über die Sphäre des Modischen hinausreicht. Sie signalisiert Unangepasstheit, Individualität, Selbstbewusstsein – Werte, deren Verwirklichung zu jener Zeit allenfalls den Herrschaften des Adels, des Großbürgertums oder (männlichen) Künstlern vorbehalten ist. Die Rolle der Frau ist selbst im relativ liberalen Frankreich der Dritten Republik klar definiert. Der Druck, den das allgegenwärtige Korsett auf den Körper der Frau ausübt (und nicht selten zu bleibenden Deformationen der Organe führt), ist modischer Ausdruck der seelischen Beengtheit dieser Zeit, die wiederum Ergebnis starrer Rollenbilder und autoritärer Gesellschaftsstrukturen ist. Obrigkeitshörigkeit, Standesbewusstsein und klare Hierarchien sind in Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwar weniger verbreitet als im Deutschen Reich. Dennoch kann die verstörende Wirkung der Mode von Coco Chanel nicht hoch genug eingeschätzt werden: Beim Anblick der kurzhaarigen, androgynen Frauen in Ringelshirts und weit geschnittenen Hosen soll manch arrivierter Dame der Pariser Haute Société die Puderquaste aus der Hand gefallen sein. Die modische Bewegungsfreiheit, die Frauen heute ganz selbstverständlich genießen, verdanken sie ganz wesentlich Coco Chanel. (tb)

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