Andalusische Rassepferde, edler Brandy und südliche Lebenslust in Reichweite des Atlantischen Ozeans. Keine spanische Stadt ist so eng mit weltbekannten Weinen und deren Destillaten verbunden wie Jerez. Am äußersten Ende des spanischen Festlandes – zwischen Cadiz und Sevilla – liegt die einst hart umkämpfte Namensgeberin des Sherrys, deren Stadtbild von den Bodegas, den „Kathedralen des Brandys und Weins“ geprägt ist.

Der Weltruf der andalusischen Stadt Jerez gründet sich auf die dort entstehenden Weine, die Sherrys und die berühmten Traubendestillate, die als Brandy de Jerez ihren Siegeszug in alle Welt angetreten haben. Neben der legendären andalusischen Reitkunst und Pferdezucht und dem hier beheimateten Flamenco sind es vor allem die goldenen Früchte des Weinbergs, die alljährlich im Rahmen großer Festivitäten gebührend gefeiert werden.

© Frank Mark Serge

Kirche

Jerez entstand unweit einer phönizischen Siedlung mit dem Namen Xera, die in der Zeit der maurischen Herrschaft über das Land Xeres hieß. Hier liegen die Ursprünge der heutigen Stadtbezeichnung Jerez. Ihre begünstigte Lage inmitten von Weinbergen, in Reichweite des Atlantischen Ozeans, aber doch geschützt, begründet ihre heutige Bedeutung als Hauptstadt des Sherrys, der von den Spaniern gleichbedeutend auch als Xeres oder Jerez bezeichnet wird. Im eng abgesteckten Bereich der Doppel-D.O. Jerez-Manzanilla entstehen die viel zu wenig bekannten, aber zugleich einzigen authentischen Weine Spaniens, die internationale Weingeschichte geschrieben haben. Vor 3000 Jahren pflanzten die Phönizier im nahen Cadiz die ersten Reben und schufen nicht nur städtebaulich, sondern auch im Bereich des Weinbaus die Grundlagen des heutigen Erfolgs. Cadiz gilt als die älteste Stadtgründung Europas; seine Lage auf einer langen Halbinsel im Ozean sucht bis heute ihresgleichen. Nach der Besiedlung durch die Phönizier folgte die römische Kolonialzeit Hispaniens.

Sánchez Romate Hnos© Sánchez Romate Hnos

Sánchez Romate Hnos

Im Jahre 411 übernahmen die Westgoten für genau 300 Jahre die Herrschaft in Andalusien, bis 711 die arabische Eroberung der iberischen Halbinsel begann. Das Kalifat von Córdoba (929–1031) wurde zum prächtigsten und mächtigsten Reich Europas. Im Zuge der Reconquista fiel die Region um Jerez 1264 unter Alfons X. dem Weisen wieder den Christen zu. Als Stadt an der Grenze zum arabischen Königreich Granada trägt Jerez bis heute den Namenszusatz de la Frontera. Das Stadtbild von Jerez gibt reiches Zeugnis von diesen jüngeren historischen Phasen: So ist auf einem Hügel im Süden der Altstadt der behutsam restaurierte Alcázar, die frühere maurische Festung und Teil der Stadtbefestigung, zu bestaunen; von deren Turm bietet sich ein fantastischer Rundblick über die Stadt, und die Gärten und Badeanlagen erinnern ein wenig an die Alhambra und den Generalife in kleinem Format. Dem Alcázar gegenüber steht die Kathedrale aus dem 18. Jahrhundert, die eindrucksvoll kontrastiert wird von einer modernen „Kathedrale des Weines“: Die Gebäude einer der reizvollsten Bodegas der Stadt, Gonzales Byass, sind eine eigene kleine Stadt in der Stadt. Prunkvolle Verwaltungsbauten sind umgeben von enormen Lagerhallen für die Sherrys und Brandys inmitten großzügiger Gartenanlagen und einer eisernen Hallenkonstruktion von Gustave Eiffel, dem Ingenieur des Eiffelturms. Die riesigen Räume für die schier endlosen Reihen schwarzer Fässer gleichen in ihrer beeindruckenden Größe, den Raumhöhen und ihrer Mehrschiffigkeit, die durch Reihen langer, schlanker Stützen zwischen massiven Außenmauern und den oft gewölbeartigen Dachkonstruktionen erreicht wird, in vieler Hinsicht den alten basilikalen Kathedralen, die zu ihrer Zeit ebenfalls eine bauliche Höchstleistung darstellten. Die vielen Bodegas im Stadtgebiet und auch außerhalb sind in ihrer Gestaltung sehr unterschiedlich und prägen die Charaktere der Häuser auf eindringliche Art. Allen Bodegas gemeinsam ist jedoch die beeindruckende Größe, das gedämpfte Licht im Innern und die langen Reihen, in denen die schwarzen 500-Liter-Fässer vier Lagen hoch gestapelt sind. Die Decken prägen durch ihre ganz eigenwillige Konstruktion und die damit einhergehenden Raumeindrücke den architektonischen Charakter der einzelnen Bodegas. Die Luft ist erfüllt von den Aromen und dem Alkohol, der aus den Eichenfässern entweicht. Ein Besuch ist in jedem Fall ein unverwechselbares Erlebnis, vor allem, wenn man die Besichtigung mit einer Degustation der edlen Getränke verbindet.

Weinberg, Bodega © Engel & Zimmermann AG

Weinberg, Bodega

Der öffentliche Raum südeuropäischer Städte ist stark von deren Bewohnern frequentiert, und so sind die Cafés, Bars und Restaurants zu den entsprechenden Zeiten gut besucht. Doch besonders zu Festtagsprozessionen oder während der Ferias, der alljährlich stattfindenden Feste zum Wein, zum Flamenco oder zu den Pferden, die sich über mehrere Tage erstrecken, schäumt es regelrecht in den Straßen vor lauter beschwingten Menschen. Die Stadt beherbergt die Königlich Andalusische Reitschule, die Real Escuela Andaluza del Arte Ecuestre, die erbaut wurde von Charles Garnier, dem Architekten der Pariser Oper. Der Stellenwert der Reitkultur ist hoch angesiedelt und während der Ferias, besonders der Feria del Caballo können überall prächtig gekleidete Spanier in kurzen Bolerojäckchen und Sombreros zu Pferde bestaunt werden. Ein in anderen Ländern nicht unstrittiges Spektakel stellen auch die berühmten Corridas, die Stierkampfnachmittage in den großen Arenen, dar. Sie sind ein zu jeder Feria gehörendes gesellschaftliches Ereignis und die Toreros sind hochbezahlte gefeierte Volkshelden, übrigens fast ausnahmslos Andalusier. Die Mischung aus Todesverachtung, Körperkraft und Ästhetik manifestiert sich im Torero mit besonderer Eindringlichkeit. Der bekannte spanische Philosoph José Ortega y Gasset bescheinigte den Andalusiern eine Neigung, sich darzustellen und „Schauspieler ihrer selbst zu sein“.

Tor© Jerez Convention Bureau

Tor

Ein Abend in Jerez

sollte in einer der zahlreichen Tapasbars beginnen. Unter einem „Himmel“ voller Schinken an der Bar stehend lässt sich die Lebensart der Südspanier bestens kennenlernen. Es ist üblich, zu einem Sherry kleine Gerichte zu reichen. Ursprünglich war ein Tapeo (Deckel) eine dünne Scheibe Schinken oder eine Garnele mit Brot, die das Glas zudeckte. Heute ist die Vielfalt riesengroß und es ist auch möglich, größere Portionen (raciones) zu ordern. Die in ganz Spanien beliebten Tapas stammen aus Andalusien und fanden durch den aus Jerez stammenden General Primo de Rivera Verbreitung in allen Teilen des Landes. In Jerez sind besonders kleine Scheiben vom berühmten Schinken der Schwarzfußschweine (Jámon Ibérico de Bellota) und vom Manchego- Käse aus Schafsmilch zu empfehlen. Dazu werden Oliven, kleine Kekse und frittierte Fischstücke und Meeresfrüchte gereicht. In Jerez trinkt man Fino zum Essen, in Sanlucar de Barrameda an der Küste den hier produzierten Manzanilla zu Garnelen oder Krabben. Hier an der Küste sind die Tapas stärker von den Fischfängen beeinflusst. Das eigentliche Essen findet in jedem Fall in einem anderen Restaurant statt; man wechselt die Lokalität mehrmals am Abend. Das Menü kann mit der kalten Gemüsesuppe, dem Gazpacho, begonnen werden oder mit weiteren warmen, oft frittierten Meeresfrüchten. Für den eigentlichen Hauptgang bieten sich gegrillte Fische oder Krustentiere an; besonders zu empfehlen sind die Gambas de Huelva. Im Landesinneren wird häufiger Cocido andaluz – ein Eintopfgericht aus Kichererbsen, Fleischstückchen, Kartoffeln und Bohnen – oder die würzige Blutwurst (Morcilla) aus Jaèn serviert. Die maurische Vergangenheit tritt bei den Nachspeisen am deutlichsten in Erscheinung: Viele Süßspeisen stehen zur Auswahl; am berühmtesten in Jerez ist der aus der Not geborene „Himmelsspeck“ (Tocinos de Cielo), eine aus Eigelb hergestellte Speise, die die Nonnen ersonnen haben, um die aus den bei der früheren Weinklärung mit Eiweiß übrig gebliebenen Reste zu verwenden.

Route der Weißen Dörfer (Ruta de los Pueblos Blancos)

40 km östlich von Jerez beginnt in Arcos de la Frontera eine weitgehend unbekannte, aber äußerst reizvolle Entdeckungsreise: Sie führt durch faszinierende Gebirgs- und Naturlandschaften und in kleine Dörfer mit weiß gekalkten Häusern und verwinkelten Gassen. Für die Rundfahrt sollten drei Tage einkalkuliert werden; am östlichen Wendepunkt der Strecke erreicht man Ronda, ein äußerst romantisches Städtchen hoch über einer Felsschlucht mit der 1785 eingeweihten und wohl schönsten und größten Stierkampfarena Spaniens.

Nationalpark (Parque Nacional de Doñana)

An der Mündung des Flusses Guadalquvir, 35 km westlich von Jerez, erstreckt sich auf 500 Quadratkilometern einer der beeindruckendsten Naturparks Europas. Hinter der Küste drängen Wanderdünen langsam ins Landesinnere und schirmen das große Salzmarschengebiet am Ufer des Guadalquvir von der See ab. Hunderte von Seevogelarten überwintern hier. Weiter im Hinterland leben Hirsche, Pferde und Wildschweine in ausgedehnten urwüchsigen Wäldern.

Ferias

Die Höhepunkte der alljährlich stattfindenden Feste sind die Pferderennen am Strand von Sanlucar de Barrameda (August), das Herbst- oder Weinlesefest in Jerez (September) und die Festivals des Flamencos und der Pferde (Festival de Flamenco, Feria del Caballo).

Bildquellen

  • Kirche: Frank Mark Serge
  • Weinfässer: Sánchez Romate Hnos
  • Weinberg, Bodega: Engel & Zimmermann AG
  • Tor: Jerez Convention Bureau
  • Fest: Jerez Convention Bureau
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