Die Zukunft der Bar – Stephan Hinz – Cocktailkunst

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Die Zukunft der Bar kommt bei Stephan Hinz nicht wie vermutet in Form eines handlichen Rezeptbüchleins daher, sondern überzeugt Freunde großer und schwerer Bücher im Coffeetableformat.

Der optisch ansprechende Cocktail aus wundervollen Fotos und erklärenden Graphiken kann aber auch inhaltlich überzeugen, denn der vielmals ausgezeichnete Mixologe Stephan Hinz verwendet glücklicherweise viel Zeit und Papier in die üblichen vorausgehenden Erklärungen, und gibt gerade jenen Seiten, die geübte Tender gerne mal überspringen um zu den Rezepten zu gelangen, die Sinnhaftigkeit die sie benötigen um im Buch zum zweiten Hauptdarsteller zu avancieren. So gibt das Buch viele praktische Tipps zum Baralltag und befasst sich neben einer einleitenden „kleinen Geschichte des Trinkens“ mit der Harmonielehre und dem Aufbau gelungener Cocktails.

Cocktailkunst © 2014 Fackelträger Verlag GmBH, Köln

Wie die Einleitung bereits vermuten lässt und spätestens das Kapitel „flüssige Sterneküche- Die Zukunft der Bar“ offenbart, liegt die Zukunft des modernen Tendings in zeitintensiven und immer aufwändigeren Mixturen, die sich daran orientieren, den Cocktail zu einer Kunstform

für alle Sinne zu erheben, die mit einer Inszenierung ähnelnden Zubereitung und einer effektvollen Optik, sowie einer geschmacklichen Explosion im Mund als Alleinstellungsmerkmal professioneller Mixologen dient. Klar wird allerdings spätestens bei den Rezepten, dass das im Buch beschriebene Standardwerkzeug einer guten Bar nicht ausreicht um allen innovativen Avantgarde-Cocktails das selbe Styling zu verpassen, wie dies auf den grandiosen Bildern geschehen ist. Dazu fehlen den meisten Bars und Haushalten vermutlich Dinge wie ein Rotationsverdampfer oder eine Airbrushpistole für Lebensmittel. Doch letztendlich kommt es ohnehin zumeist darauf an, was sich im Glas befindet und so beschäftigt sich Stephan Hinz auch ausführlich mit einem großen, sehr aufschlussreichen und logisch aufgebauten Kapitel, dass sich Warenkunde nennt und wirklich alle Zutaten erläutert, die in einen Cocktail gehören könnten.

Cocktailkunst @ Fakelträger Verlag

Um so mehr eignet sich das Buch, dank dieses ausgedehnten Kapitels, nicht nur für Profis sondern auch für alle, die erst noch welche werden wollen. Beginner profitieren von der gründlichen Lehre in die das Buch seine Leser schickt, sodass im überraschend kleinen Rezept-Teil, der nicht mal ein Drittel aller Seiten füllt, doch mehr als genügend kompakte Rezepturen Platz finden, da sie aufgrund der vorher erklärten Fachbegriffe und Techniken fast vollständig auf die pure Rezeptur plus maximal 2-3 Arbeitsanweisungen beschränkt bleiben können. Gleichermaßen überraschend ist ebenso, dass die ausgefallenen Cocktails der vorigen Seiten im Rezept-Teil vielen Klassikern und einfachen aber erfrischenden Trendcocktails weichen müssen. Doch gerade zum “direkt Loslegen” eigenen sich die leckeren Rezepte von Caipirinha, Aperol Spritz und Hugo für den alltäglichen Gebrauch, während ambitionierte Leser oder routinierte Barbetreiber immer ein gutes Nachschlagewerk in alphabetischer Sortierung parat haben und sicher ebenso von der ein oder anderen Feinheit in der Rezeptur überrascht sein werden.

Cocktailkunst @ Fakelträger Verlag

Stephan Hinz ist in seiner neuen Cocktailkunst jedenfalls eine ungewöhnliche aber profitable Aufteilung gelungen, die den Namen Fachbuch wahrlich verdient. Die Zukunft der Bar scheint angesichts solch traditionsbewusster Grundlagenlehre und einer vollständig scheinenden Rezeptsammlung, gepaart mit innovativen Rezepten und wirklich neuen Ideen jedenfalls gesichert, was in der aufbereiteten Version mit sprachlich legerem Stil und optischem Anspruch voll zu überzeugen weiß, weil es von Weitem wie ein echter Punk unter der Cocktaillyrik aussieht, sich bei genauerem Hinsehen allerdings als absoluter Nerd entpuppt

Stephan Hinz: Cocktailkunst, die Zukunft der Bar

Fackelträger Verlag, März 2014, 363 Seiten, 39,95€.

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